Der Berner Mattegucker

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Tina Kohler - ein Kopf voller Musik

Tina Kohler habe ich 2001 kennen gelernt, als wir zusammen die Ausbildung zur Webpublisherin bei der Feusi absolviert haben. Sie fiel mir sofort auf. Irgendwie passte sie für mich nicht in das Bild einer Webfrau. Blond und mit einem Blick «Komm mir nicht zu nah» habe ich sie wahrgenommen. Schon bald aber merkten wir, dass wir beide die Liebe zum Computer und zur Astrologie teilten. Auch, dass wir im gleichen Quartier lebten, obwohl ich sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Wir haben zwei verschiedene Fahrpläne, fanden wir heraus, sie eher früh ich eher spät am Morgen!

Uns verband neben der Arbeit mit Computern auch die Sternenwelt. Die eigenwillige und bodenständige Frau, die mit ihren kompetenten Fragen oft auch die Kursleiter an der Feusi herausforderte, faszinierte mich. Wir lachten viel und oft sassen wir gemeinsam an einer Klassenarbeit und haben uns gegenseitig angespornt. Tina schloss die Ausbildung mit dem eidg.dipl. SIZ Webpublisher ab. Heute arbeitet sie Teilzeit beim Bundesamt für Informatik und Telekommunikation BIT.

Tina ist Musikerin und Künstlerin. Sie wuchs in einem musikalischen Umfeld auf: Ihre Mutter war Sängerin und gab kleinere Konzerte. Sie sang manchmal in der Kirche. Ihr Vater hingegegen war alles andere als musikalisch. «Halt eher der wissenschaftliche Typ», meint Tina trocken. «So wie eben die Rollen früher verteilt waren. Meine Eltern sind sehr optimistische Menschen und diese Lebenseinstellung kommt mir heute zu gute. Es war nicht immer so, dass ich diese bejahende Haltung dem Leben gegenüber hatte, aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, die positiven Aspekte zu schätzen.» Tina ist nachdenklich geworden. Sie nimmt ein Taschentuch und schnupft kräftig rein. Die Ärmste ist heftig erkältet.

Tina Kohler

«Was machst du für Musik?» will ich wissen.
«In den 90ziger Jahren habe ich eher «heftige und düstere Musik gemacht: «Electric Body Music (EBM), harte Klänge. Mit meiner rebellischen Seite wollte ich Menschen provozieren und es bereitete mir auch Spass, wenn ich es schaffte zu «schocken». Vielleicht entstand dies aus Naivität und meiner rebellischen Ader. Ich will es gar nicht mehr so genau wissen. Damals wollte ich mich wahrscheinlich einfach produzieren. Heute würde ich meinen, es war eher künstlich und heute ist es künstlerisch.» Wieder schnupft sie kräftig in ihr Taschentuch.
«Heute ist das jenseits von gut und böse was ich damals gemacht habe. Nein, schämen muss ich mich nicht dafür, aber es war schon manchmal etwas heavy.» Sie lacht laut und ihre wilde, blonde Mähne fliegt nach hinten.
«Wie hast du gemerkt, dass du eher «künstlich» warst?»
«Bei einer Vertonung eines Films stellte ich fest, dass mir die Computerklänge nicht gut taten. Sie machte mich aggressiv und zogen mich eher in die Tiefe. Das war ungefähr 1999 und da wusste ich, dass es nicht die Musik ist, die ich in Zukunft schaffen möchte.»
Tina suchte ihren musikalischen Ausdruck und musste zuerst durch die «künstliche» Ausdrucksweise und durch die Tiefen der Musik gehen, bevor sie wusste, dass sie etwas verändern wollte. «Ich weiss nicht genau wann der Richtungswechsel eigentlich stattfand», stellt sie sachlich fest.
«Seit wann arbeitest du an deiner neuen CD «Far Rockaway»?»
«Seit 2005 schaffe ich an dieser CD und nun ist sie endlich fertig geworden.» Dies sagt sie nicht ohne Stolz und lacht mich verschmitzt grinsend an.
«Wieso dauerte es so lange?»
«Ich hatte die Zeit und für mich war es wichtig, dass ich nicht einen Schnellschuss landen wollte.»
Mit der CD-Arbeit begann Tina 2005. Zu diesem Zeitpunkt gab sie bei der Stadt Bern für ein Stipendium in New York ein.
«Ich wollte endlich Zeit haben für meine Musik. Damals nahm ich meine Musik auch ernster, als ich das Stipendium bekam.»
«Wieso bekamst du den Stipper?»
«Ich habe «Katzenball» vertont und hatte dies als Referenz angeben können. Als ich Bescheid erhielt, dass ich nach New York durfte, war ich so motiviert an meiner Musik weiter zu tüfteln.
In N.Y. lebte sie im Haus von Linda Geiser. «Ich habe mich in diesem Haus sehr wohl gefühlt und mein Studio war so gross, dass ich mit dem Velo durchs Atelier hätte fahren können.» Wieder lacht sie laut. «In dem grossen Raum konnte ich ungehindert wirken. Ich habe sehr viel gearbeitet und soviel Freude an meiner Musik gehabt, dass ich gar nicht so oft durch NY gezogen bin. Mein erstes Stück das ich N.Y. produzierte war «Far Rockway». Dieses Stück hat mir neue Hoffnung gegeben und ist aber auch der einzige Titel von dieser Zeit, der überlebt hat. Deshalb ist es auch der Titel der CD geworden.
«Wie war für dich die Zeit in NY?»
«Zu beginn war nicht nur alles Friede, Freude, Eierkuchen. Allerdings gab mir die Zeit auch den Mut, endlich meinen Weg zu verfolgen. Ich hatte Zeit über das eine oder andere nachzudenken. Ich habe Ausdauer und Geduld gelernt. Vor allem mit mir», meint sie mit einem schiefen Lächeln.
Tina macht elektronische Musik, teilweise mit Gesang. Sie würde es als Electronica bezeichnen. «Was willst du mit dieser CD bewirken?»
«Ich musste dies einfach mal machen. Filmmusik - Tina vertont Kurzfilme - ist ja auch ein grosser Teil von mir und diese CD ist einfach eine Demonstration meiner Arbeit.»
«Seit dem «Katzenball» habe ich weniger für andere produziert, damit ich an meinem Projekt arbeiten konnte.
«Was fasziniert dich an dieser Electronica - Musik?
«Ich kann selbstständig Musik entwickeln. Ich will nicht Rock auf dem Compi kreieren. Ich kann selber produzieren und tüfteln wie es mir gefällt und ich bin unabhängig in dem was ich mache. Früher war ich in Bands als Sängerin tätig und oft abhängig von dem was andere wollten.»
Die letzte Band in der Tina als Sängerin unterwegs war, hiess «Lizard Kings» mit Mario Capitanio und den Enderli Brothers. Dies war in den früheren 90ziger Jahren.
Bei den «Altstars 2009» am Mattefescht, stand Tina mit ihrer ehemaligen Bandkollgen wieder auf der Bühne. «Es war ein lustiges Erlebnis. Ich nehme wahr, dass ich wirklich an einem andern Ort stehe und froh bin, meine eigene Musik gefunden zu haben. Ich habe mich doch tatsächlich weiterentwickelt.»
«Das ist jetzt aber eine Überraschung», sage ich lachend.
Die CD ist bei Tina Kohler erhältlich und kann auch im Internet unter www.tina-kohler.ch gekauft werden. Ebenfalls ist sie im Buchladen Einfach Lesen erhältlich.

Tina und die Matte

«Es ist einfach schön hier zu wohnen. Die alten Mattefroue imponieren mir. Sie sind offen und nett und sie grüssen mich immer. Ich finde, die stehen mit beiden Beinen auf dem Boden.
«Einmal kam mir ein Mätteler entgegen und sprach mich an «Wieso grüsst du mich nicht?», meinte er herausfordernd. Seither grüssen wir uns aber warm werde ich nicht mit ihm.»
«Im Hause habe ich es gut mit den Nachbarn. Sie sind tolerant und ich kann Musik machen ohne dass andere reklamieren. Es ist wirklich toll und mir geht es gut – ich will mit niemand «Lämpen» und seit ich beschlossen habe, dass ich meine Nachbarn wirklich gern habe, ist das auch so. Da kommt mir meine positive Grundeinstellung meiner Eltern zu gute und da bin ich auch sehr froh. Es gibt genug komplizierte Verhältnisse und so schätze ich sehr, dass wir hier im Haus so gut miteinander leben können.»
«Wer ist Tina?», frage ich unvermittelt und zum Abschluss unseres Gespräches.
Tina bezeichnet sich als bodenständig und «flippig und rebellisch.» Tina ist im Zeichen Stier mit Aszendent Steinbock in den frühen sechziger Jahren geboren.
Sie kann hartnäckig an eine Sache gehen kann aber auch abheben und kann sich stundenlang in ihren Projekten verweilen. «Da rennt mir dann schon mal die Zeit davon.»

Heute ist Tina etwas ruhiger geworden, aber nur ein bisschen. Sie mag es nach wie vor, an die Grenzen zu gehen. Sagt aber auch, dass sie genauso Harmonie schätzt und nicht mehr um jeden Preis provozieren will. Tina ist eine vielschichtige Künstlerin mit unzähligen Facetten und Gesichtern. Eine Frau, die ihren Weg geht und sich nicht aufhalten lässt. Von der Rebellin zur Individualistin …
Ich freue mich, ihr immer wieder auf der Strasse zu begegnen. Herzlichen Dank Tina für das lustige Gespräch und die feinen Gipfeli. Das Fotoshooting holen wir nach, denn wer möchte schon gerne mit tränenden Augen und einer roten Nase auf ein Bild!

Rosmarie Bernasconi